Hl. Familie - Geschichte

 
HLF - Kirchturm
 
 HLF - Kirche
 

Betzenhausen und Mooswaldsiedlung

Inmitten der westlichen Vorortzone Freiburgs zwischen Gaskugel und ausgedehnten Wohnblockanlagen eingespannt, duckt sich auf dem nördlichen Dreisamhochufer der Ortskern Betzenhausen, der noch etwas von der ländlichen Eigenart der ehem. Gemeinde erkennen lässt. 972 erstmals genannt, fiel es dem kleinen, armen Dorf (1525 = 11 Häuser) stets schwer, sich zu behaupten. 1381 erwarb Freiburg die Ortsherrschaft über Betzenhausen und begann, sich damit ein eigenes Herrschaftsgebiet im Umland der Stadt zu schaffen. Obwohl Betzenhausen 1806 wieder unabhängige Landgemeinde wurde, blieben die Verhältnisse sehr bescheiden (1910 = 573 Einw.). Erst die Eingemein­dung nach Freiburg (1. Jan. 1908) und der Beginn einer starken Bautätigkeit nach 1930 brachten eine Wende in der Entwicklung.

Beim Deutschen Katholikentag 1929 wurde beschlossen, sozialen Nöten in Freiburg entgegenzuwirken und (1932/33) mit Förderung durch Erzbischof Dr. Karl Fritz und Prälat Dr. Aschenbren­ner für kinderreiche Familien auf freiem Gelände nordöstlich von Betzenhausen die Mooswaldsiedlung St. Joseph mit 103 Häusern und Gärten zu bauen (Baugenossenschaft Familienheim). Nach dem 2. Weltkrieg brachten große Bauunternehmungen eine weitere Aufwertung als Wohngebiet. Stadtbahnneubau, einfallsreiche Umgestaltung des Baggerseegeländes der Fa. Flückiger in den „Seepark“ und die baden-württembergische Landesgartenschau 1986 schlossen die seit 50 Jahren betriebene städtebauliche Entwicklung des Freiburger Westens ab und werteten auch Betzenhausen und die Mooswaldsiedlung urban auf.

 

Pfarrkirche HI. Familie

Baugeschichte

Ursprünglich etwa 500 Meter ostwärts, dort wo Weidweg und Verlorener Weg in die Spittelackerstraße münden, sollte eine neue Kirche für Siedlung und St. Josefsviertel (bis zur Güterbahnlinie) entstehen. Nach dem ersten Spatenstich des Erzbischofs Dr. Conrad Gröber am 12. Sept. 1936 verhinderte jedoch der Einspruch des Luftfahrtamtes Stuttgart (7. Dez. 1936) den Bau der geplanten St. Jo­sefskirche, weil der Glockenturm genau in die An- und Abflugschneise des Freibur­ger Flugplatzes zu stehen gekommen wäre. Die Siedler handelten schnell und fanden auf kircheneigenem Gelände an der Hofackerstraße 35 einen Ersatzbauplatz. Damit schied das "‚St.-Josefs-Gebiet" aus den Pfarreiplanungen aus. Für den Stadtteil Betzenhausen brachte der neue Kirchenstandort hingegen die Möglichkeit, sich von der damals außerhalb Freiburgs gelegenen Landpfarrei Lehen abzukoppeln und mit der Mooswaldsiedlung eine neue eigene Stadtpfarrei unter dem Namen „Heilige Familie“ zu bilden.

Pfarrkurat Thomas Bieger trieb das Unternehmen vorwärts. Planung und Bauleitung lagen in den Händen der Freiburger Architekten Diplom-lngenieur Paul Hugo Geis (* 13. Mai 1883) und Reinhard Fuchs, die den Architektenwettbewerb gewonnen hatten. Die Bauentwürfe waren zu überarbeiten; vor allem durfte der Turm wegen der Flugplatznähe nicht zu hoch werden. Am 21. April 1937 erster Spatenstich (Geistl. Rat Rödelstab); am 2Z Juni 1937 Grundsteinlegung durch Stadtdekan Dr. Constantin Brettle. Zahlreiche Freiburger Handwerksbetriebe beteiligten sich an der Bauausführung. Als örtliche Bauführer fungierten Jullus Stelzer und Erwin Weinzettel; die Beton- und Maurerarbeiten wurden von Ingenieur Walter Egenter (Fa. Fidel Egenter) geleitet. Im Mai 1938 wurden die Rohbauarbeiten abgeschlos­sen. Mit Glockengeläut empfingen die Siedler am 11. Juni d.J. ihren ersten Seelsorger, Kurat Konrad Fuchs (* 15. Okt. 1897 Dingelsdorf), den eifrigen, um die „HI. Familie“ hochverdienten Pfarrer. Drei Stahlglocken und die Turmuhr hatte man von St. Urban, Freiburg-Herdern übernommen. Am 18. Sept. 1938 Konsekration der neuen Kirche durch Erzbischof Dr. Conrad Gröber. Patrone: HI. Familie, St. Martin, St. Konrad.

1942, 20. Dez.   Einweihung der von der Freiburger Firma Welte gebauten Kirchen­orgel. Festorganist Prof. Franz Stemmer, Freiburg. Die Kosten stellte eine unbekannte Stifterin zur Verfügung, die schon das Geld für die Altäre gespendet hatte.  

1944, 27. Nov.   Schicksalstag der Stadt Freiburg: 70% des Pfarreigebietes fielen dem furchtbaren Luftangriff zum Opfer. Beschädigungen beider Kirchen. Brandschaden an der Orgel in „Hl. Familie“. Die Krypta der Pfarrkirche (Luftschutzkeller) diente als Notunterkunft für 40 Personen.  

1945   Reparaturarbeiten in beiden Kirchen.  

1948   gründliche Orgelinstandsetzung (Dold). Zur Volksmission schnitzte der Betzenhausener Bildhauer Lambert Keller das Missionskreuz.  

1949   Fertigstellung der Kreuzwegstationen (Walther Meyerspeer). Weihe am 9. Okt. durch Franziskanerpater Christoph Winterhalter.  

1952/53   Kindergartenbau „Hl. Familie“.  

1956    Die der St. Josefsgemeinde eigentümlich zugehörigen Glocken (ehem. St. Urban) wurden für deren Kirchenneubau zurückgegeben. 

Guss von 6 neuen Bronzeglocken am 4. und 24. Mai bei F W Schilling, Heidelberg (Töne c, es, f, 9, b, c).

15.Juli Glockenweihe (Stadtdekan 0. M. Schmitt).   

1960   Neue Weihnachtskrippe (Bildhauer Walter Ohlhäuser Mannheim).  

1961   Gründliche Innenrennovation der Kirche.  

1978   Unter Stadtpfarrer Emil Dannenmayer Neugestaltung des Chorraums mit Ze­lebrationsaltar und Tabernakelstele (Bildhauer Josef Henge~ Ravensburg). Konse­kration am 12. Dez. 1978 durch Erzbischof Dr. Oskar Saier. — Einweihung des neuen Kindergartens (Architekt Heinz Bamn).  

 

Baugestalt und Kirchenraum

In der politisch schweren Zeit kurz vor dem 2. Weltkrieg eine katholische Kirche für das neue Wohnviertel am Rand des Mooswaldes zu bauen, war ein kühnes Unternehmen, das nicht nur viel Gottvertrauen forderte, sondern auch auf Hilfe von Kirchenbehörde und Spendern angewiesen war. Pfarrer Fuchs und seinen Pfarrangehörigen kann man für Mut und Zielstrebigkeit nur Hochachtung und Dank zollen.

„Wesentlich für das Bild der Siedlung: Die Kirche muss zur Umgebung passen, mitten in ihr stehen, aber über das Leben hinaus nach oben weisen. Die neue Kirche HI. Familie hat nicht den Stil vergangener Zeit. Sie fügt sich organisch in die kleinen, einfachen und doch schmucken Siedlerhäuser ein: Eine Kirche mit mächtigem Dach, breitem Giebel, schlichtem und starkem Turm, all dies dem Wesen und Empfinden der umwohnenden Menschen entsprechend“ (K. Fuchs). In der Längsachse geostet, wurde sie als weiträumiger Saal entworfen. Um 700 Sitz- und 800 Stehplätze unterbringen zu können, war ein Langhaus von 32 m Länge und 14 m Breite erforderlich. Ohne sogenannten Triumphbogen fließt der Kirchenraum nur mit geringer Einschnürung in den Chor (7,60 m lang, 13 m breit) über. Lediglich die Höhe wurde im Chor von 9,50 m auf 12,80 m gesteigert. An der Westseite des Langhauses nimmt eine großzügige Empore Orgel und Kirchenchor auf. Der Kirche sind Anregungen aus der Romanik anzusehen, so in der gedrungenen Arkatur des Langhauses, Stellung und Form der Rundbogenfenster und in Seitengängen mit Kreuzwegstationen, Beicht- und Taufkapellen. Im Satteldach des an der nördlichen Chorflanke 29 m hoch aufragenden Glockenturms spiegelt sich südbadische Bautradition wider; die Kirche erhielt damit das zum Himmel weisende äußere Zeichen. Behäbig ausgebreitete Giebelwand mit dreifach bogigem Hauptportal und Vorhalle signalisiert, zusammen mit dem einheitlichen, gewaltigen Dach, Schutz und Geborgenheit in der Obhut Gottes und der Pfarrkirche als dem Sinnbild der kirchlichen Gemeinschaft. Die heute als Krypta bezeichnete Unterkirche hinter dem Chor wurde besonders stabil mit starker Eisenbetondecke als Luftschutzkeller gebaut.

 

Die Ausstattung und ihre Künstler

Den Gedanken des Schutzes Gottes für die Pfarrfamilie drückt auch an der Kirchenfront der in „deutschem Mosaik“ ausgeführte Gekreuzigte aus, der seine Arme über Mutter Maria und Lieblingsjünger Johannes hält. Hinter der Malerin „G.R Leon­hard“ gibt sich Frau Gertrud Leonhard-Püttmann (* 1895 Schwelm! Westfalen) aus Karlsruhe zu erkennen. Sie hatte die Ausbildung in den Kunsthochschulen Berlin und Karlsruhe bei bedeutenden Lehrern ihrer Zeit erfahren.

An der Gestaltung des Kirchenraumes beteiligten sich Freiburger Künstler: Walther Meyerspeer (* 1905 Zähringen „Meyer“, ab 1934 „Meyerspeer“ genannt, t 1979 Freiburg) malte in der großflächigen Rundbogennische der Chorwand die „Heilige Familie“ ein. Als Blickfang des Kirchenraums zeigt sich im dreifachen Gnadenstrahl Gottes Maria mit ihrem im Heiligen Geist empfangenen Gottessohn. Josef schlägt schirmend den Mantel um Mutter und Kind. In den Farben Braun, Grün und Blau leuchtet etwas von der Breisgaulandschaft auf, die auch Darstellungen des Münsters, der Kirchen HI. Familie und Herz Jesu mit einbezieht. Auf einfachen Holztafeln spannte Meyerspeer am Choranfang seine Seitenaltarbilder ein: „Christus, der gute Hirt“ und „Maria, die Magd des Herrn“, an der Mondsichel als apokalyptische Frau erkennbar, die im Heilsplan Gottes von Ewigkeit her als Mutter des Erlösers und Gnadenmittlerin auserkoren war (Apok. 12, 1 -5). Nach der ersten Station des Kreuzwegs vollendete Meyerspeer seine Arbeit erst zehn Jahre später (1949). Bei der Chorumgestaltung (1978) fanden die Seitenaltarbilder an der Langhausrückwand unter der Orgelempore einen neuen Platz. Kunstschlosserarbeiten durch Fritz Stiansen und Glasmalereien durch Franz Frey und Hans Georg Stritt vervollständigten die erste Ausstattung der Kirche.

Luftdruck- und Brandschäden des Bombenangriffs 1944 erzwangen Instandsetzungen und Ergänzungen der Ausstattung in der Nachkriegszeit. Dickglasfenster in der Taufkapelle und Verglasungen der südlichen Seitengangfenster (1967) von Rainer Dorwarth (* 1924 Welver/Westfalen) und die metallgearbeitete St. –Antonius Statue von Karl Rißler (* 1917) - beide Künstler leben in Freiburg - bereichern die Kirchenausstattung ebenso wie das Mariäkrönungs Reliefbild (Kopie des Portalreliefbildes von „Maria zu den Ketten“, Zell am Harmersbach) in der Taufkapelle. Als 1976/78 die Kirche zum Deutschen Katholikentag in Freiburg (1978) außen und innen renoviert wurde, erwarb die Pfarrei eine renaissancehafte Madonnenstatue (vermutlich alpenländischer Herkunft), die — von Restaurator Michael Bauernfeind mit teils vorhandenen, teils erworbenen Engelskindern zu einer Strahlenmadonna vereinigt — neben der Altarinsel schwebt. Gleichzeitig wurde aus St. Thomas/Betzenhausen das ehem. Langhauskreuz, eine eindrucksvolle Barockarbeit, in den Chor der Pfarrkirche übernommen; auch der von Bildhauer Joh. Bapt. Sellinger (1714-1779) stammende Tabernakel block der St. Thomaskirche wechselte in die als Werktagskapelle genützte Krypta der „Hl. Familie“ über.

 

Chorraum-Neugestaltung

Besondere Bedeutung kam der neuen Einrichtung des Chorraums zu, die dem gewandelten Liturgieverständnis nach dem II. Vatikani­schen Konzil entsprechen sollte. Stadtpfarrer Emil Dannenmayer ergriff 1978 die Initiative, Architekt Heinz Baron übernahm die Leitung, Restaurator Michael Bauernfeind verlieh dem Kirchenraum durch bessere Farbfassung mehr Charakter, und Bildhauer Josef Henger(* 1931 Empfingen/Hohenzollern), Ravensburg, schuf Zelebrationsaltar, Ambo, Tabernakelstele und Sitze für die Zelebranten aus rotem Basaltgestein von Mayen/Eifel. Der Altartisch wächst aus Altarzunge und Choran­lage hervor (poröser Muschelkalkboden aus Bulgarien). Gewicht und fester Standort zeichnen den Altar aus. Seine Kreisform bezieht den ganzen Kirchenraum in sich ein und will die Pfarrgemeinde als Heilige Familie um sich sammeln. Aus den Diagonalen eines übergelegten Quadrates hat der Bildhauer die Sternform der Altarecken geschnitten, die ihren Sinn aus der zentralen Mitte der Liturgie erhalten:

Ein wahrer Opferstein! In den abgeteilten vier Seiten stehen in Nischen bronzegegossen je drei Statuetten der Verkünder des neutestamentlichen Glaubens: Petrus mit Schlüssel, Fischernetz und Buch, Jakobus d.A. mit Muschel und Pilgerstab, Johannes der Evangelist mit Kelch und HI. Schrift an der Vorderseite; südlich sind Simon mit Säge, Pau­lus mit Schwert und Hinweisgeste auf Christus, Judas Thaddäus mit Keule zu sehen; auf der nördlichen Seite der ungläubige Thomas mit prüfender Hand, der Evangelist Matthäus mit Buch und Beil, Jakobus d.J. mit Davidstern, Gesetzbuch des Moses und Thora als Apostel der Judenchristen; an der Rückseite Andreas mit Fischernetz, Bartholomäus mit Messer und Philippus mit Kreuzstab. Drei niedere Leuchter tragen die Altarkerzen und passen sich der Altarform an. Im Lesepult, dem Verkündigungsort des Gotteswortes, erhielt der Chorraum den zweiten Akzent. Die beiden Nebenpatrone der Kirche, St. Martin und Bruder Konrad von Parzham, unterstützen dort als Statuetten den Prediger. Zentral vor die Chorwand gestellt, fängt jedoch der in abwechs­lungsreicher Kreuzform gestaltete Tabernakelstock die Blicke besonders ein, In dessen Mittelpunkt dominiert das Gehäuse für das Al­lerheiligste. Auf dem Tabernakeltürchen fließen von einem großen Bergkristall kreuzförmig strömende Bänder aus. In Anspielung auf die Geheime Offenbarung des Johannes wirkt diese Anordnung wie ein Sinnbild für „das vom Throne Gottes des Lammes fliesende Wasser des Lebens“. Acht bronzene Engelstatuetten mit hohen Flügel umschließen den Tabernakel. Sie betonen die Heiligkeit des Ortes und die Anwesenheit Gottes. Mit der neuen Chorausstattung erfuhr die von Anfang an gewollte christozentrische Ausrichtung des großzügigen Innenraums eine deutliche Betonung.

 

Fundament und Eckstein der Pfarrei

Beim Neubau der Kirche bedingten sich bautechnische Ausführung und künstlerische Gestaltung gegenseitig. Die Architekten ließen werkgerecht mit dem Material arbeiten. Handwerkliche Leistung durfte offen aufscheinen. „Beton wurde nur da verwendet, wo er zur Konstruktion erforderlich war; in der Kirche, die ganz in Backstein erstellt ist, sind die Pfeiler teil­weise in Klinkern und der Hauptteil der Steinhauerarbeit in Muschelkalkstein ausgeführt. Die Innenwände erhielten Schlämmputz, der die Fugen des in sauberem Backsteinverband errichteten Mauerwerks durchschimmern lässt. Die Holzdecke mit graubraunlasierten Balken und leichtblauen Zwischengefachen aus Heraklithplatten hielt sich ebenso an den ursprünglichen Farbendreiklang wie Kanzel und Gestühl. Taufstein, Weihwasserbecken und Zifferblätter der (von St. Urban, Freiburg - Herdern, stammenden) Turmuhr wurden nach Entwürfen der Architekten handwerklich gefertigt.“

„Greifbares und unsern Augen sichtbares Abbild der gesamten Kirche als Gemein­schaft der Glaubenden“ zu sein, wurde 1938 vom Neubau der Pfarrkirche Heilige Familie erwartet. In ihr erkor man Christus zum Fundament und Eckstein des religiösen Lebens in der neuen Westrandpfarrei Freiburgs. Jeder Einzelne sollte sich selber als „Baustein“ des großen Gefüges der Kirche begreifen. Darum schrieb Pfarrer K. Fuchs seinen Pfarrangehörigen ins Stammbuch:

Vom Werk unserer Hände, dem Kirchenbau, nun zum Werk Gottes in uns!“